BUILD YOUR OWN UTOPIA!
Poster for Utopia Station
auf dem weg nach Porto Alegre
Haus der Kunst, München
7.okt 2004 / 16.jan 2005
UTOPIAN WALLPAPER

In seinem Buch „Agonie des Realen“ (1978) erzählt Jean Baudrillard die Fabel von Jorge Luis Borges von der Landkarte nach, so groß wie das Reich, das sie abbildet. Die Karte wird zerstört, als und weil das Reich zerfällt. Die Beschreibung zerstört das Beschriebene. Baudrillard stellt dar, dass in der heutigen Ordnung der Simulation das Verhältnis zwischen Abgebildetem und Abbildung umgekehrt ist: "Die Karte ist dem Territorium vorgelagert, ja sie bringt es hervor." Simulation ist nicht mehr Abbildung, sondern "die Generierung eines Realen ohne Ursprung oder Realität, das heißt eines Hyperrealen".

Damit hat Baudrillard die utopische Kraft des Kunstprojekts von David Barbarino beschrieben. Dieser nimmt Details des fast 60 Jahre überstrichenen, jüngst wieder freigelegten „Blutwurstmarmors“ aus der Ehrenhalle des Münchner Hauses der Kunst, blendet sie zu einem abstrakt-expressionistischen Rätselbild zusammen und druckt sie auf Papier. Die „building modules“ im Format A1 zeigen die scheinbare Abbildung symmetrisch geschnittenen Marmors und lassen sich beliebig kombinieren: zu Säulen, Wänden, Räumen oder, bei entsprechender Auflage, zu einer zweiten Oberfläche der ganzen Welt. In der Serialität des Rapports ist die Totalität als negative Utopie immer schon angelegt.

Von weitem gesehen ergeben sich kaleidoskopische Muster, von nahem löst sich die symmetrische Ordnung auf. Bei seiner Transformation von Stein auf Papier ist der blutrote Marmor lebendig geworden, der Betrachter stürzt vom Makrokosmos der Welt in den Mikrokosmos des (menschlichen) Körpers, dem die Haut, die Oberfläche abgezogen scheint. Unter diesem umgekehrten Medusenblick werden aus Formen Organe, angeschnittene Gefäße, von Fett marmorierte Fleischteile.

Tritt der Betrachter wieder einen Schritt zurück, überlagert ein Netz kaleidoskopische Symmetrie die organische Unordnung. Doch nun erzeugt der figürliche Blick Monstren zweiter Ordnung; Gebilde wie in einem großen Rorschach-Test. Erst aus der Ferne enthüllt das totalitäre „Wallpaper“ die Form, die es verbirgt – die Wand, die Säule, den Raum, das Gebäude, die Welt. So wird der leere, noch nicht-marmorierte Raum zur eigentlichen Utopie.

Jan Linders, Berlin, Oktober 2004